haushofer–rennt.de
Weihnachten
Manchmal kann erstaunlich viel zusammenkommen, ohne das Geringste zu bewegen.
Zum Beispiel: in Jahren des Stressessens erworbene 12 Kilo Übergewicht. Ein Seminar
mit dem „Fitnesspapst“ Strunz. Der euphorische Bericht eines Bekannten über seinen
ersten Marathonlauf. Und dann braucht es plötzlich nur eine Hose, die nicht mehr
schließt, und ich komme endlich ins Laufen.
Vor zehn Jahren träumte ich vom Marathon. 42,195 Kilometer. In Berlin! Mitte dreißig
war ich damals, normalgewichtig, sportlich, übermütig. Ärztliche Voruntersuchung? Bin
doch fit. Trainingsplan? Ist doch klar: joggen, Rennrad, Mountainbike, alles mit
hochrotem Kopf und bis zur Erschöpfung. So kam es, dass mich zwischen zwei
Alpenpässen eine Hüftgelenksentzündung aus dem Sattel hob. Diagnose:
Beckenschiefstand, ein Bein 15 Millimeter kürzer als das andere. Verordnung: Ruhe und
Einlagen. Das nächste halbe Jahr verhieß Schmerzen, Krankengymnastik, Aqua–
Jogging. Und keinen Marathon. Der Beruf drängte sich vor, privat drehte sich das Leben
um hundertachtzig Grad. Zwar joggte ich gelegentlich noch – natürlich mit
höchstmöglichem Puls, um den Trainingseffekt zu steigern – doch vom Marathonlaufen
bin ich seitdem Meilen entfernt. Genauer gesagt: einen Hosenknopf und 12 Kilo Fett.
Wenn ich je mein altes Gewicht wiederfinden will, sagt Strunz, muss ich langsam
laufen. Lächelnd. Mit Wohlfühlpuls. Um dabei nicht einzuschlafen, brauche ich
Disziplin. Die bekomme ich nur durch ein extrem motivierendes Ziel. Das könnte zum
Beispiel heißen: „Glück in der Liebe durch einen jugendlich schlanken Körper“. Nur –
glücklich bin ich leider schon. Seit drei Monaten sogar wieder verheiratet. Und H.
meine Frau, liebt mich auch als Schwergewicht. Die Motivation müsste also sportlich
sein. Und da gäbe es für mich nur... den nächsten Berlin–Marathon Ende September!
Das hieße neun Monate straffes Training. Ich müsste keinen Rekord laufen – einfach
mitmachen und, als Traumzeit, unter vier Stunden „finishen“. Und zur Belohnung
könnte ich dann den Gürtel wohl um einiges enger stellen.
Wo ist der alte Jogginganzug?
Januar
(seit Weihnachten gelaufen: 190 km / Übergewicht: 9 kg)
Die ersten überflüssigen Kilo sind an mir heruntergelaufen wie Wasser. Toll, dachte ich
–und erfuhr dann aus den schlauen Büchern, mit denen H. mich fürsorglich überhäuft,
dass es sich buchstäblich um nichts als Wasser gehandelt haben kann. Ziemlich
schweres Wasser allerdings, ohne das ich nun immerhin schon um einiges leichter laufe.
Die Wasserreduktion verdankte ich anfangs nicht nur dem Joggen, sondern auch
meiner nostalgischen Laufkleidung: Baumwollhemd unterm Uralt–Skirolli, darüber eine
mollig warme Skilanglaufjacke. Nach den ersten hundert Kilometern belohnte ich mich
mit der aktuellsten, edelsten Goretex–Laufausrüstung (Laufen ist teuer!), die nicht nur
Autofahrer blendet, sondern sogar „Feuchtigkeit vom Körper abtransportiert, ohne
Verdunstungskälte entstehen zu lassen.“ Zwar kaschiert sie den Bauchansatz kaum,
doch meinem Selbstbewußtsein als zukünftigem Marathon–Mann schmeichelt sie
entschieden.
In „Forever young“, dem Bestseller von Dr. Strunz, fand ich außer Turbo–Motivation
auch ein sogenanntes „Lauftagebuch“, das ich sofort auszufüllen begann. Für ein Jahr
bietet es Tabellen, in die man jeden Tag „gemessene Biofaktoren“ wie gelaufene
Kilometer, Trainingsdauer, Gewicht und Ruhepuls eintragen soll. Das ergibt eine
Trainingsüberwachung, die für Leute wie mich ziemlich unverzichtbar ist: wenn die
Werte nicht stimmen, bekomme ich sofort ein schlechtes Gewissen. Denn für
„Ausreden“ hat das Lauftagebuch keine Spalte.
Den alten Pulsmesser stellte ich, ganz nach Strunz, auf das Wohlfühltempo 180 minus
Lebensalter ein. Das ergab eine maximale Pulsfrequenz von 135 Schlägen pro Minute –
und ein Lauftempo, bei dem mich Fußgänger überholten. Meine ersten Runden gingen
über sechs bis acht Kilometer. Und wenn ich dabei Passanten zum Lachen brachte,
lächelte ich strunzgemäß zurück.
Von Joschka Fischer klaute ich das Motto No meat, no sweet, no alc. In Restaurants
bestelle ich mutig „nur Wasser, bitte“. Meine Schokoladensucht bekämpft meine Frau,
indem sie nichts Süßes mehr einkauft (und zur Tankstelle komme ich nicht jeden Tag).
Kein Fleisch zu essen fällt mir dagegen leicht: H. und ich halten Tiere ohnehin nicht
mehr für essbar.
Mittlerweile laufe ich schon 40 bis 50 Kilometer pro Woche. Schmerzen in Hüfte und
Knien mahnen mich an frühere Trainingsfolgen. Dazu kommen interessante
Rückenschmerzen im Lendenwirbelbereich.
Aber: beim Langsamlaufen vergehen die Beschwerden ja bald von selbst. Schreibt
Strunz. Er schreibt allerdings auch, vor dem Trainingsbeginn solle man sich unbedingt
von einem Sportmediziner durchchecken lassen. Guter Tipp. Werde ich diesmal tun.
Sobald ich den richtigen Sportarzt finde.
Bis dahin kann das bisschen Laufen sicher nicht schaden.
Februar
(gelaufen: 160 km / Übergewicht: 7 kg)
Es ist offiziell: ich bin zum Berlin–Marathon gemeldet! Wahnsinn! Unglaublich!
Berauschend! Die Flüge sind gebucht, und einen beruflichen Termin in Berlin nützte
ich, um gerade noch rechtzeitig für Ende September ein Zimmer im idealen Hotel zu
sichern. Mit Fitnessfrühstück, Wellnessbereich und seiner Lage exakt zwischen Start
und Ziel (jeweils in Fußnähe!) ist es für „Marathonis“ absolut perfekt.
Zum Testen hatte ich diesmal für drei Tage eingecheckt. Im Kleiderschrank fand ich
einen Wegweiser durch den Tiergarten, verfasst für joggende Manager. Natürlich
musste ich sofort das Gelände erkunden. In kaum zehn Minuten langsamem Trab war ich
am Charlottenburger Tor – dem Startpunkt des Marathons. Anstelle der Autos sah ich
schon die Menschenmassen, und mich mitten drin. Um dem Training mehr
Realitätsbezug zu verschaffen, übte ich gleich mal den Start. Vom Charlottenburger Tor
lief ich an der „Goldelse“ vorbei durchs Brandenburger Tor bis zur Straße Unter den
Linden. Fast hörte ich schon die Zuschauer jubeln. Das wiederholte ich an den nächsten
beiden Tagen. Und war sicher: den Start schaffe ich auf jeden Fall.
Ob aber meine Motivation ausreichen wird, um noch ganze sieben Monate lang ein
ziemlich gewaltiges Trainingspensum durchzuziehen?
Eine sportmedizinische Bestätigung meiner Fitness würde mich jetzt sicher aufbauen.
März
(gelaufen: 220 km / Übergewicht: 6 kg)
Vier Wochen nach meinem letzten Eintrag war ich immer noch nicht beim Sportarzt.
H. argwöhnt schon, ich sei der typische Mann, der freiwillig nie zum Arzt geht.
Klischee! Talentierte Sportmediziner liegen ja nicht auf der Straße.
Sonst aber komme ich durchaus voran. Tagsüber laufe ich, nachts studiere ich meine
Laufbücher. Auch Wettkämpfe solle man trainieren, raten die. Mein letzter Wettkampf
war ein Tischtennisspiel vor ungefähr einem Vierteljahrhundert. Also meldete ich mich
für Anfang Mai zum „St.–Zeno–Lauf“ an. Dreißig Kilometer quer durch den Ebersberger
Forst – als ich das Meldeformular ausfüllte, schlug mein Herz fast so aufgeregt wie bei
der Anmeldung zum Marathon.
Zwischenzeitlich habe ich meinen alten Pulsmesser gegen ein Hightech–Gerät von Polar
ausgewechselt. Außer den Pulsgrenzen zeigt es die Verbrennung samt Fettanteil an.
Mein Lauftagebuch musste ich damit um eine Spalte erweitern – nun habe ich nicht nur
die Kontrolle über die wöchentliche Trainingszeit (6 bis 7 Stunden), sondern auch über
den Kalorienverbrauch (ca. 5000 Kilokalorien pro Woche). Das bringt den letzten
nötigen Motivationsschub!
P.S.: Ich habe doch tatsächlich einen Sportarzt mit ermutigendem Ruf ausfindig
gemacht. Am Chiemsee. Außer Hobby– und Freizeitsportler fit zu machen, betreut er
auch „Kaderathleten aus dem Bereich des Olympiastützpunktes Bayern“. Und hat
sogar einen Termin für mich frei. In knapp acht Wochen. Solange wird es noch gehen.
April
(gelaufen: 240 km / Übergewicht: 5 kg)
Jede Woche laufe ich jetzt 60 bis 70 Kilometer. Als ich während einer Joggingrunde
spontan beschloss, sie erstmals auf 20 Kilometer auszudehnen, kam das zuhause nicht
allzu gut an. Weil ich so unerwartet lang ausblieb, hatte meine besorgte Familie mich
mindestens im Straßengraben, wenn nicht im Krankenhaus vermutet und war mit
Fahrrad und Auto ausgeschwärmt, um mich zu suchen. Trotzdem: das Erfolgserlebnis
war riesig. Es trieb mich dazu, gleich nach mehr Wettkampfmöglichkeiten zu suchen.
So stolperte ich im Internet über den Erdinger Sprint–Triathlon im Juni. Naheliegend
eigentlich – wohne ich doch nur 15 Kilometer entfernt. Ab sofort trainiere ich also auch
Schwimmen und Radfahren. In allen drei Disziplinen komme ich nun auf acht
Trainingsstunden pro Woche. Und in vier Wochen werde ich diesen Sportmediziner
maßlos beeindrucken mit meiner superflachen Laktatwertkurve!
Mai
(gelaufen: 130 km / Mountainbike: 8 Touren, 7000 Höhenmeter /geschwommen: 10 km
/ Übergewicht: 4 kg)
5. Mai: mein erster Wettkampf! Schon auf der Fahrt nach Isen, dem Startpunkt des „St.-
Zeno–Laufs“, brach mir vor Aufregung der Schweiß kübelweise und derart
aromatisiert aus, dass H., die mich begleitete, mich kurzerhand mit ihrem Parfüm
einnebelte. Ich fand, sie hätte auch einfach das Autofenster öffnen können.
Kurz vor dem Start schnellte mein Puls auf 140 Schläge. Dabei hatte ich mir
vorgenommen, maximal mit 135 zu laufen. Ruhig, ruhig! Als es endlich losging, lief ich
so gemächlich, dass fast alle anderen an mir vorbeizogen. Dennoch lag ich 10
Pulsschläge zu hoch. Nach 5 Kilometern kam die erste Verpflegungsstation. Ich ergriff
zwei Becher Wasser, und um nicht noch weiter zurückzufallen, versuchte ich, im Laufen
zu trinken. Natürlich verschluckte ich mich derart fürchterlich, dass der Hustenanfall
mich doch zum Stillstand zwang. Böser Fehler – steht nicht in allen Büchern: „Das
Trinken aus Pappbechern während des Laufens muss unbedingt geübt werden!“?

Nach weiteren 5 Kilometern fand ich endlich so etwas wie einen Laufrhythmus, konnte
das Tempo verschärfen und das Feld doch so weit von hinten aufrollen, dass ich mich
nicht völlig blamierte und im Ziel durchaus ein bisschen Euphorie empfand. Gewonnen
wurde der Lauf übrigens mit weitem Abstand von zwei Herren fast im Rentenalter, die
sich danach auch noch beklagten, von einem Streckenposten so in den Wald geschickt
worden zu sein, dass sie einen halben Kilometer länger gelaufen waren als der Rest der
Meute. Das gab mir zu denken.
Das Hochgefühl nach meinem ersten Wettlauf wurde herb gedämpft. Die rechte Wade
schmerzte so stark, dass ich fast nicht laufen konnte. Hatte ich zuviel trainiert? Falsch
trainiert? Erinnerungen an die Hüftgelenksentzündung, die mir mein erster Marathon–
Anlauf eingebracht hatte, machten mir richtig Angst. War der Marathon auch diesmal
gefährdet? Und bis zu meinem Termin beim Sportmediziner waren es noch zwei
Wochen. Depression! Der Hausarzt legte mir einen Zinkleimverband an, mit dem ich
kaum gehen konnte und schon gar nicht laufen. Solle ich ja auch nicht, meinte er
fröhlich. Also setzte ich mich aufs Mountainbike.
Eine Woche in den Alpen ließen mich den Frust beinahe verschmerzen. Mit meinem
jüngsten Sohn (16) stürmte ich diverse Almen und das Kitzbüheler Horn, und während
er mich noch im Jahr zuvor gnadenlos abgehängt hatte, sah er diesmal ziemlich alt aus.

Derart aufgebaut fuhr ich an den Chiemsee zu meinem Termin beim Sportarzt. Der
testete mich so gründlich, dass ich mir schon selbst wie ein „Kaderathlet“ vorkam. Die
Ergebnisse umfassen eine ganze Mappe, die ich seitdem ungefähr zwanzig Mal gelesen
habe. Vielversprechend!
Die Wadenschmerzen schreibt er meinem Beckenschiefstand zu, dem ich mit
millimetergenauen Einlagen und in der Höhe fast unsichtbar angeglichenen, speziellen
Laufschuhen begegnen soll. Die orthopädische Werkstatt liefert in etwa drei Wochen.
Sehr vielversprechend!
Juni
(gelaufen: 125 km / Rennrad: 250 km / geschwommen: 13 km / Übergewicht: 3 kg)
Für den „Glockner–König“, das alljährliche Radrennen auf den Großglockner am 2.
Juni, war ich durch mein Mountainbike–Intermezzo ganz gut vorbereitet. Zu diesem
zweiten Wettkampf meiner jungen Karriere trat ich mit meinem sehr geliebten,
uralten, noppenbereiften Mountainbike an. Zur Erheiterung einer bis an die Zähne
hochgerüsteten Rennrad–Crew, Kollegen eines Unterhachinger Ingenieurbüros, die mich
dennoch innerhalb ihrer Mannschaftswertung namens „Bau–Baraber“ mitfahren ließen.
Ob wir nur oder immerhin 29stes von 44 Teams wurden – mein altes Radl habe ich mit
der zweitbesten Mannschaftszeit jedenfalls rehabilitiert.
In der ersten Juniwoche war die Wade schmerzfrei. Da mir aber noch die richtigen
Einlagen fehlten, lief ich nicht mehr als 30 km pro Woche, und konzentrierte mein
Training dafür aufs Radfahren und Schwimmen. Für den 23. Juni war ich zum Sprint–
Triathlon in Erding gemeldet. Und hatte erst mal ein logistisches Problem, das ich am
Vorabend mit drei in weniger als fünf Stunden genial gepackten Sporttaschen löste.
Daniel Ritthammer gibt Profi-Ratschläge
Dagegen waren die 500 m Schwimmen, 20 km auf dem Rad und 5 km Laufen beinahe
simpel. 70 Minuten brauchte ich bei einem Durchschnittspuls von 166. Lothar Leder
allerdings war um 20 Minuten schneller. Und mußte dafür sofort ein alkoholfreies
Weißbier des Lokalsponsors trinken. Im Ziel torkelte ich zwar und sah zehn Jahre älter
aus – dafür ließ mir das Glücksgefühl jedes Weißbier schal erscheinen.

In meinem Stolz meldete ich mich sofort zum nächsten Triathlon an: dem Sixtus–
Alpentriathlon, der eine Woche später am Schliersee stattfand. Dass es sich dabei um
den zwar schönsten, aber auch schwersten Kurz–Triathlon weit und breit handelt,
merkte ich erst unterwegs.

1,5 km schwimmen inmitten um sich schlagender Piranhas: atemberaubend. Danach 40
km radfahren bis auf den Spitzingsattel: der Gipfel des Wahnsinns. Abschließend 10 km
laufen, zunächst bergab bis zur Muskelverhärtung, dann unverhofft steil bergauf – wie
ich ins Ziel gekommen bin, ist unklar. Ich weiß nur: gegen den Marathon könnte das hier
ein Spaziergang gewesen sein.
Mittlerweile zähle ich schon fast die Tage bis zum 29. September. Denn in der zweiten
Juliwoche läuft mein ultimativer Zwölf–Wochen–Trainingsplan an. Und heute kam
auch meine Startnummer an. Ich bin der 15070ste von 33000 Läufern.
Juli
(gelaufen: 280 km / geschwommen: 1,5 km / Übergewicht: 2 kg – ganz alte Hosen
passen wieder!)
Mit dem „Münchner Stadtlauf“, meinem ersten Massenauflauf, startete ich ins Zwölf–
Wochen–Trainingsprogramm. Ich lief die Halbmarathonstrecke, während einige Tausend
Mitläufer im Englischen Garten unfreiwillig um ein paar Kilometer abkürzten, weil
irgendein Spaßvogel ein Streckenschild umgedreht haben soll.

Alles war gut: die Wade schmerzte nicht mehr, die neuen, orthopädisch verstärkten
Schuhe passten perfekt, das Training machte richtig Spaß. Unter der Woche lief ich
frühmorgens, am Wochenende vormittags. Mein Wochen–Trainingsplan sah so aus: ein
bis zwei Mal Steigerungsläufe beziehungsweise Intervalltraining mit unterschiedlichen
Streckenlängen, ein oder zwei lockere Dauerläufe, und am Wochenende ein langer Lauf
über bis zu 30 Kilometer, in langsamem Tempo. Insgesamt kam ich auf 70 bis 80
Kilometer pro Woche.
Für den Marathon habe ich drei Ziele:
1) ich will durchkommen
2) ich will unter vier Stunden laufen (heimlich)
3) eigentlich will ich dreieinhalb Stunden laufen (ganz heimlich)
Nach vier Wochen harten Trainings merke ich: ich werde richtig schnell! Auch mein
Gewicht ist beinahe schon normal. Mein Optimismus wie mein Ehrgeiz sind unbegrenzt.
Was soll mich jetzt noch stoppen?
August
(gelaufen: 100 km / Rennrad: 140 km / Spinning–Rad: 10 Std. /geschwommen: 8,5 km /
Übergewicht: 1 kg)
In der fünften Woche meines minutiös eingehaltenen Trainingsplans passierte es! Meine
Wade begann, stark zu schmerzen. Diesmal die linke. Da nicht sein kann, was nicht sein
darf, lief ich einfach weiter. Bis der Schmerz so unerträglich wurde, dass ich bei jedem
Schritt mit den Zähnen knirschte. Mit dem Sportmediziner hatte ich erst für drei
Wochen später den zweiten Termin vereinbart. Ich setzte das Lauftraining aus. Die
Frustration war grenzenlos. Meine Erfahrung mit der rechten Wade jagte mich gleich
ins Fitnessstudio, um ein Vier–Wochen–Abo zu buchen. Gab es natürlich nicht. Im
Überzeugen bin ich allerdings ziemlich gut, und den Ausschlag gab schließlich das
richtige Angebot (nicht laufen ist auch teuer). Noch am selben Abend begann ich das
Training auf dem Spinning–Rad.
In meinem Trainingsprogramm übertrug ich alle Einheiten vom Laufen aufs Spinnen,
wobei sich der Puls um 5 bis 10 Schläge pro Minute reduzierte. Den langen Lauf
ersetzte ich durch Radtouren in der Größenordnung von drei bis fünf Stunden. Zum
Ausgleich begann ich auch wieder zu schwimmen. So war ich dann etwa vier Mal pro
Woche im Fitnessstudio, einmal im Schwimmbad und einmal auf dem Rennrad
unterwegs. Der große Frust schlug um in Ehrgeiz: ich würde eben der erste „Marathoni“
sein (zumindest der erste, von dem ich je gehört hatte), der sich auf dem Fahrrad für
den Lauf der Läufe vorbereitete! Nebenbei war ich mir sicher, in zwei Wochen würde
auch diese Wade wieder heil sein. Kein Anlass also, den Termin beim Sportarzt
vorzuverlegen.
Ganz böser Fehler! Nach drei Wochen unveränderter Schmerzen stellte der Sportarzt
fest, dass die linke Einlage am Außenrand zu hoch eingestellt war. Das hatte die Wade
ständig gereizt. Warum bloß hatte ich mich und mein neues Schuhwerk nicht sofort
nachuntersuchen lassen? Vier Wochen vor dem Marathon erhielt ich die korrigierten
Einlagen. Der Arzt warnte aber, dass die Entzündung sich durchaus länger hinziehen
könnte. Meine sonstige Kondition allerdings fand er so hervorragend, dass einem
Marathonstart im nächsten Jahr sicher nichts entgegenstehen würde...
Das Spinning–Rad glüht.

1. bis 28. September
(gelaufen: 55 km / Rennrad: 310 km / Mountainbike: 4 Touren, 3000 Höhenmeter /
Spinning–Rad: 11 Std. / Übergewicht: 0 kg)
„Joschka rennt“ hieß die Wahlkampf–Tour des Obergrünen durch die Republik. Am 4.
September wollte er bei Donaumünster joggen, einem freundlichen Nest im
schwäbischen Teil Bayerns – und ich mit. Schließlich war er mein Vorbild: in 21 Monaten
hatte er es bis zum Marathon geschafft, und dabei 40 Kilo abgespeckt. Ihm nach!
Mehr als drei Wochen war ich nun auf dem Rad gesessen. Dies sollte mein erstes
Lauftraining werden. Die Schmerzen schienen verschwunden, und zehn Kilometer
waren für mich ja keine Distanz mehr. H. hatte mich schon vor Monaten übers Internet
angemeldet, für die Sicherheitsüberprüfung durch das Landeskriminalamt meine Daten
angegeben und eine Mail erhalten, die den Eingang bestätigte. Die eigentliche
Lauferlaubnis aber war bis zuletzt auch auf Nachfrage nicht eingetroffen. Also fuhren
wir einfach hin. Nach Donaumünster brauchten wir neunzig Minuten, in Donaumünster
ohne Hinweisschild noch mal dreißig, bis wir hechelnd den Treffpunkt fanden. Dort
übte eine Blaskapelle für den Empfang des Außenministers, der auch schon überfällig
war, und ungefähr fünfzig Mitläufer schwitzten in der Spätsommersonne, was das
Warmmachen erübrigte. Die rührige Ortsgruppe der GRÜNEN verteilte T–Shirts mit dem
Aufdruck „Joschka rennt“, als Zeichen der Laufberechtigung. Nur: ich stand nicht auf
ihrer Liste. Verzweiflung auf beiden Seiten. Letztlich entschied die Redegabe meiner
Frau und ein langes Telefonat (bei dem wir mutmaßten, dass es bis zum Geheimdienst
weitergeschaltet wurde, wo es die Auskunft gab: „Haushofer? Der ist harmlos“). Ich
durfte starten.
In den folgenden ein, zwei Stunden des Wartens ernährten wir eine Armee von
Donaumücken. Dann schwenkte der Joschka–on–tour–Bus ein, und die Kapelle blies
den Defiliermarsch, zu dem seinerzeit Franz–Josef Strauß in die Bierzelte einzog.
Wahlkampf auf bayerisch eben. Der Bürgermeister hielt eine Ewigkeitsrede, der
Minister dankte kurz und jovial, und dann wurden die Regeln ausgegeben:
1) Fischer macht das Tempo
2) keiner überholt!
Zum Glück ging es der Meister langsam an. Angeblich hatte er am Vortag beim Stadtlauf
in Bamberg ziemlich gelitten. Ich nahm es dankbar als Rücksicht auf mein Befinden.
Die Wade stach. In der Schwüle wirkte alles surreal: eine Herde schweißnasser Läufer
unter Mückenschwaden, wortlos vorantrabend ein Bundesminister in kurzen Hosen,
weniger schlank als vermutet, während sieben Bodyguards die Verfolger auf Abstand
hielten. Von einem Plakat am Straßenrand grüßte Stoiber samt Gattin.
Kurz vor dem Ziel stand H. auf der Donaubrücke und schoß das Beweisfoto: ich und
Joschka auf unserem langen Lauf zu uns selbst! Dann warf sie mir noch eine Kußhand
zu. Der Außenminister dankte und winkte zurück.

Ich (und Joschka)
Bis zum Marathon am 29. September blieben noch dreieinhalb Wochen. Ich gab mir
Laufverbot und wurde Dauergast im Fitnessstudio. Die Waage zeigte Normalgewicht.
Und das schien plötzlich gar nicht mehr das Ziel zu sein.
Sieben Tage vor dem Marathon ging es Richtung Berlin. Zunächst mieteten H. und ich
uns im Spreewald in einem Wellness–Hotel mit Landtherme ein. Hier begann ich wieder
mit dem Joggen. Die Wade war noch lädiert, aber mir blieb keine Wahl: wenn ich den
Marathon nicht gleich vergessen wollte, mußte ich runter vom Rad. Zum Laufen
brauchte ich ganz andere Muskeln, und die waren seit sieben Wochen vernachlässigt.
Was ich nicht gewusst hatte: im Hotel gab es einen hochprofessionellen Fitnessbereich,
geleitet von einer sehr engagierten Physiotherapeutin und – dem viertschnellsten
deutschen Marathonläufer. Mit beiden lief ich jeden Morgen eine Dreiviertelstunde
durch den Wald, ignorierte die stechende Wade, sog Ratschläge auf und lernte neue
Stretching– und Lockerungsübungen. Nebenbei erfuhr ich an Leib und Seele, was
„Wellness“ bedeutet. Und genoss! Aromasauna, japanischer Whirlpool, Ganzkörper–
Salzpeeling und Honigpackung, Dampfbad, Kräuterbad, stundenlange Mittagsschläfe,
Massagen, Massagen, Massagen... Nach einer dieser Massagen, drei Tage vor dem Start,
war der Schmerz so nachhaltig, daß ich glaubte, den Marathon beerdigen zu müssen.
Ein finaler Tiefpunkt – der über Nacht zum Wendepunkt wurde. Druck und Ehrgeiz
fielen von mir ab. Ich nahm einfach alles an. Wenn ich nicht laufen konnte, würde ich
eben zuschauen.
An diesem Nachmittag, es war Freitag, fuhren wir nach Berlin ins seit Februar gebuchte
Hotel. Heute ist Samstag. Und morgen werde ich in meinen Laufschuhen und mit der
Nummer 15070 auf dem Hemd am Charlottenburger Tor stehen und den Start, den ich
ja schon drei Mal geprobt habe, wirklich erleben. Und dann werde ich in aller Ruhe
laufen, so weit mich meine Füße tragen. Und sei es zum nächsten Taxistand.
29. September
Der Wecker läutete um fünf. Das war der Tag, auf den ich über neun Monate
hintrainiert, hingefiebert, hingezittert hatte. In vier Stunden würde der Startschuss
fallen.
Seltsam unaufgeregt fühlte ich mich, und wunderbar leicht. Bis sechs Uhr zelebrierte
ich eine eher meditative Gymnastik. Am Frühstücks-Büffet war ich der erste. Ich nahm
Joghurt, Früchte, Müsli und grünen Tee – die Kombination hatte sich für mich bewährt.
Zurück im Hotelzimmer versorgte ich berüchtigte Scheuerstellen mit Heftpflaster und
Vaseline. H. massierte meine Beine und nähte mir die Startnummer an. Ich wollte
ärmellos und in meiner kürzesten Hose laufen. Außerdem schnallte ich einen Hüftgurt
um, in dem zwei Trinkfläschchen und acht „Squeezy“ steckten, kleine Plastikbeutel mit
einem Gel aus hochkonzentrierten Kohlenhydraten. Um vor dem Start nicht zu frieren
(13 Grad waren angesagt), zog ich eine alte Jeans und ein ausgedientes Hemd über die
ganze Montur. Mit H. wiederholte ich die vereinbarten Treffpunkte: an den
Kilometerschildern 12, 27 und 39 würde sie mich erwarten. Wenn ich sie nicht vorher
anrufen würde, weil ich schon wieder im Hotel war...
Eine letzte Umarmung, dann joggte ich auf der vertrauten Strecke durch den
Tiergarten langsam los. Der Puls war sofort auf 150. Mehr noch schockierten mich ein
Dutzend Kenianer, die mich plaudernd in schier rasendem Laufschritt überholten. Von
allen Seiten strömten Leute Richtung Start. Die Menge wurde dicht. Erste Musikfetzen
schallten mir entgegen. Ich suchte die letzte Startgruppe, die der Marathon–Anfänger,
und trank dabei noch einen halben Liter Wasser. Jeans und Hemd legte ich neben einen
Baum. Dann tauchte ich ein in die Wärme des Menschenmeers. Die 33000 heizten
Berlin. Von Läufer zu Läufer aufgefangen und weitergeworfen, begannen Unmengen
Hosen und Pullis zum Rand zu fliegen. Jemand erzählte, sie würden später
eingesammelt und nach Afrika geschickt. Um mich herum standen Leute jeden Alters
und jeder Gewichtsklasse. Manche wirkten durchtrainiert, viele aber, als ginge es zu
einem Volkslauf oder einem Happening. Professionell bis witzig war die Kleidung. Ein
Team trug Dalmatinerkostüme, ein Pärchen war als Engel und Teufel verkleidet, und
eine Frau sah mit riesigem Blumenhut und einem langen, gelb–grünen Tüllkleid aus wie
der wandelnde Frühling. Wir hörten den Startschuss – und nichts geschah. Endlich
schob auch meine Gruppe los. Nach sechs Minuten passierten wir die Startlinie. Mein
Abenteuer Marathon hatte begonnen! Eine irrwitzige Freude stieg in mir auf. Mir war,
als wäre ich mit all den anderen verbunden. Ich genoss es, dabei zu sein.

(www.marathonfoto.com)
Schon am Alexanderplatz trank ich auch ohne Durst zwei Becher Wasser, nahm eine
Banane und lief locker weiter. Die schmerzende Wade beachtete ich nicht. Im Tempo
konnte ich mithalten; nur wenige Läufer schlängelten sich vorbei. Auf der leicht
ansteigenden Leipziger Straße sah ich zum ersten Mal ein langes Stück dieses
Menschenwurms. Zwischen den Türmen des Potsdamer Platzes glitt er hindurch, als
wären sie nur dazu erbaut. Kilometer 12! Eng und begeistert drängten sich die
Zuschauer – H. konnte ich in dieser Schlucht aus Gesichtern nicht entdecken.
Enttäuscht lief ich weiter. Der nächste Treffpunkt schien unendlich entfernt.
In Kreuzberg spielten Jazzgruppen unter Brücken mit phantastischer Akustik. Schade,
dachte ich, dass ich nicht stehenbleiben kann. Die Stimmung war tatsächlich so, wie
ich es überall gehört hatte: unzählbar viele Menschen feuerten uns an, trieben uns
weiter. Kinder klatschten Läuferhände ab. Hunderte von Schildern und Transparenten
zeigten Botschaften. „Marathon ist cool – Papa auch!“, “Gabi, wir sind stolz auf Dich!“,
und: „Was ist der Unterschied zwischen einem Jogger und einem Marathonläufer?
42,195 Kilometer.“
Wann immer ich mich auf das Spiel der Zuschauer einließ, lächelte und winkte,
belohnte mich eine ganz persönliche Woge von Energie. So tankte ich Kraft, und war
dabei ziemlich gerührt. Das Tempo stieg, der Puls lag zwischen 145 und 150. Und die
Wade? Hatte aufgegeben. Der Schmerz war weg.
Bei Kilometer 21,098 stand ein Portal, als wäre dies schon das Ziel. Meine Uhr zeigte
1:57:20. Ich konnte eine Zeit unter vier Stunden laufen! Diese Erkenntnis verlieh Flügel.
Kurz vor jeder Verpflegungsstation schraubte ich die Saugdeckel meiner Trinkfläschchen
ab und nahm sie zwischen die Zähne. Beidhändig tauchte ich die Behälter in die
riesigen Wasserbottiche. So verlor ich kaum Zeit und konnte bequem während des
Laufens trinken. Halbstündlich quetschte ich mir ein „Squeezy“ in den Mund. Bei
Kilometer 23 fiel mir einer der ursprünglich acht Beutel aus dem Gurt zu Boden. Ich
blieb stehen und drehte mich um. Eine Wand von Menschen rollte auf mich zu.
Unmöglich, die paar Schritte zurückzulaufen, undenkbar, mich zu bücken und etwas
aufzuheben. Im Weiterlaufen begann ich zu rechnen: auch mit den verbliebenen drei
Beuteln sollte ich auskommen, wenn ich die Abstände auf vierzig Minuten streckte.
Kilometer 27. Ich sah H. schon lange, bevor sie mich entdeckte. „Anton aus Tirol“
übertönte meine Zurufe. Auf den letzten Metern erst erkannte sie mich. Sie begann,
vor Freude zu hüpfen, und lief sogar ein Stück mit. Es tat ungemein gut, einen lieben
Menschen zu sehen!
Kilometer 30. Nach Steglitz ging es leicht bergauf. Seit sieben oder acht Kilometern
überholte ich ständig. Kam nun der berühmte „Mann mit dem Hammer“? Der würde
mich kaum einholen. Ich lief meine schnellste Zeit: 5 Minuten und 10 Sekunden pro
Kilometer, bei einem Puls von 155 bis 160. Zu hoch? Vielleicht.
Sambatänzerinnen gaben den Rhythmus vor.
Kilometer 35. Noch sieben Kilometer. Achtzig Prozent der Strecke lagen hinter mir.
Zwischenzeitlich wurde der rechte Oberschenkel schwer. Ich wusste: Milchsäure schoss
in den Muskel. Schmerz war die Folge. Aber entlang der Strecke standen immer noch
mehr Menschen, wurden die Zurufe lauter. Wie sollte ich da nicht lächeln?
Kilometer 37. Noch fünf Kilometer. Puls 160. Inzwischen schmerzte auch der linke
Oberschenkel. Wäre ich noch so kurz stehengeblieben – ich hätte nicht mehr
weiterlaufen können.
Kilometer 39. H. lachte mir entgegen. Später behauptete sie, alle anderen wären
graugesichtig und wie in Trance an ihr vorbeigezogen – nur ich hätte richtig frisch
gewirkt und selig geleuchtet. Ich erinnere mich nur an den Schmerz. Ein Straßenschild:
Kurfürstendamm. Hier tobte der Bär. Von beiden Seiten brandeten Wellen der
Begeisterung auf und spülten mich weiter. Ich lächelte, lächelte, lächelte, und die
Berliner schrien und klatschten mich voran.

Endspurt (www.marathonfoto.com)
Rechts und links fielen Läufer aus dem Pulk, die sich vor Krämpfen wanden. Endlich –
die Tauentzienstraße. Da vorne: das Ziel. Und ich fand tatsächlich noch die Kraft für
einen kleinen Endspurt. Weinend umarmte mich eine Läuferin, die neben mir
eingelaufen war. Mit welcher Zeit? Völlig egal! Tausende waren schon angekommen.
Und ich bestand nur noch aus Euphorie. Jemand hängte mir eine Medaille um, ein
anderer eine Plastikhülle gegen das Auskühlen. Jetzt nur nicht stehenbleiben, bloß
weitergehen, wegen der Schmerzen, trotz der Schmerzen. Und stretchen, unbedingt
stretchen! Die Muskeln waren so hart, dass sie sich kaum mehr dehnen ließen. Ich trank
Unmengen eines isotonischen Getränks und fühlte mich besser. Auslaufen sollte ich
jetzt. Laufen? Ich konnte ja fast nicht mehr gehen. Nun machte sich der kurze Weg zum
Hotel doppelt bezahlt. Mit Plastikumhang und Medaille humpelte ich durch die noble
Lobby, platzend vor Glück. Die Treppe hinab zur Sauna nahm ich rückwärts. Ein
Hotelgast fragte höflich, wie der Marathon denn so gewesen sei? Nach fünfzehn Minuten
unterbrach er meinen Redeschwall und entschuldigte sich mit einem Termin.
Zwei Saunagänge und eine Runde Schwimmen später fiel mir H. um den Hals. Und es
ist schwer zu sagen, wer von uns beiden stolzer war.
1. Oktober
(vorgestern gelaufen: 42,195 km / Euphorie: 100 % / Gewicht: kein Thema mehr)
Die Nordsee ist grau und frisch. Zwischen Samoa und Sansibar atmet uns der Wind rauh
ins Gesicht. Wer mich von hinten durch den Sand gehen sieht, schwerfällig der Gischt
ausweichend, wird mich für einen Rentner halten, den seine Enkelin stützt. Von vorne
aber sieht er einen nichts als glücklichen Mann, der sich jünger fühlt, als er je war. Am
Nachmittag wollen wir in die Strandsauna, und danach ins Meer. Der Muskelkater wird
stündlich besser. Morgen kann ich vielleicht sogar wieder vorwärts die Treppen
hinuntersteigen.
Und in zwei Wochen wird H. mich wohl festbinden müssen – wenn in München der
nächste Marathon startet.
P.S.: Den Berlin–Marathon 2002 lief ich in 3:47:27 und kam als 9487ster ins Ziel.
Aber wichtig ist das eigentlich nicht.
Hans–Ludwig Haushofer, Markt Schwaben